Long-Covid: Impotenz als Spätfolge von Corona?

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Covid-19, die Krankheit, die durch das Coronavirus Sars-CoV-2 ausgelöst wird, führt mitunter zu erheblichen Langzeitfolgen. Viele Patienten klagen noch Wochen nach einer Erkrankung über andauernde Müdigkeit und Erschöpfung (sogenannte Fatigue), Atemprobleme oder den Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns. Nun vermuten Forscher, dass eine Covid-19-Erkrankung auch Potenzprobleme nach sich ziehen könnte. Zahlreiche Medien berichten aktuell über diese Gefahr…

Impotenz als Spätfolge von Corona: Müssen Männer sich jetzt Sorgen machen? Oder gibt es noch andere Faktoren, die bei diesem Thema berücksichtigt werden sollten? Im Folgenden werden die Annahmen der Forscher überprüft und auch andere mögliche Auswirkungen der Pandemie auf die sexuelle Gesundheit genauer beleuchtet.

Vorab: Grund zur Panik ist nicht gegeben, dennoch sollten Männer sich mit ihrer sexuellen Gesundheit auseinandersetzen. 

Jens Winkler
Jens Winkler

Aktualisiert: 21. Dezember 2020 | Medizinisch überprüft von: Klaus Marquardt

Redaktion
Inhaltsübersicht:
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    Kann Covid-19 auf lange Sicht zu Impotenz führen?

    „Long-Covid“: Davon sprechen Mediziner, wenn die Beschwerden nach einer akuten Erkrankung an Covid-19 länger als 28 Tage andauern. Rund ein Fünftel der Corona-Patienten leidet unter solchen Langzeitfolgen.1Long-term effects of COVID-19 | who.int

    In einem Interview mit dem Nachrichtensender NBC erklärt die US-Forscherin Dr. Dena Grayson: „Selbst wenn es nach einer Infektion nur milde Krankheitssymptome gibt, haben wir festgestellt, dass Menschen langwierige Folgeschäden davontragen können.“

    Weiter berichtet Grayson: „So haben wir erkannt, dass Männer langwierige Schwierigkeiten im Hinblick auf erektile Dysfunktion bekommen können.“2Early Research Shows a Possible Link Between COVID-19 and Erectile Dysfunction – Got Your Attention? | nbcnewyork.com
    Sie bezieht sich dabei auf eine Studie, die sich den Fällen zweier männlicher Covid-Patienten widmet. Diese klagten nach überstandener Erkrankung über Anorgasmie, also die Unfähigkeit, einen Orgasmus zu erleben.3A Late COVID-19 Complication: Male Sexual Dysfunction | ncbi.nlm.nih.gov

    Corona ist eine systemische Erkrankung – das heißt, sie betrifft nicht nur die Lungen, wie anfangs angenommen wurde, sondern kann den Körper in verschiedenster Weise angreifen. Man wisse, dass das Virus auch zu dauerhaften Schäden der Blutgefäße führen könne, erklärt Dr. Grayson gegenüber NBC. Und das wiederum habe Auswirkungen auf die Potenzfähigkeit. 

    Wodurch kommt es zu Impotenz?

    Durchblutungsstörungen sind meist die Ursache von erektiler Dysfunktion. Denn um die Schwellkörper des Penis für eine Erektion mit genügend Blut zu versorgen, braucht es natürlich ein intaktes Blut-Kreislauf-System. Dies bringt die Experten zu der Annahme, dass eine Corona-Infektion auch zu Erektionsstörungen führen kann.

    Gründe für Potenzprobleme durch Corona

    Der Zusammenhang der geschädigten Blutgefäße und einer möglichen Impotenz scheint einleuchtend. Allerdings gibt es noch zu wenige Daten, um daraus eine direkte Kausalität abzuleiten. Auch Dr. Georg-Christian Zinn vom Hygienezentrum Bioscientia weist darauf hin, dass Erektionsproblemen verschiedene Ursachen zugrunde liegen können – wie zum Beispiel die allgemeine Erschöpfung vieler Corona-Patienten.4Corona: Langzeitfolge Impotenz? Expertin warnt | ruhr24.de

    Auch die Autoren der US-Studie weisen darauf hin, dass mehr Daten erhoben werden müssten. Noch ist es also zu früh, um gesicherte Aussagen über die langfristigen Auswirkungen von Covid-19 auf den Körper zu treffen. Außerdem gilt es, herauszufinden, ob Beeinträchtigungen der sexuellen Gesundheit eine direkte Folge einer Coronavirus-Infektion sind – oder vielmehr eine Nebenerscheinung der Pandemie mit ihren Einschränkungen. 

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    Nelli Syrotynska / shutterstock.com

    Wie der Lockdown das Sexualleben herausfordert

    Eine Studie aus China belegt, dass sich die Pandemie negativ auf das Sexualleben junger Paare auswirkt: 22 Prozent der Studienteilnehmer sagten aus, dass ihre Lust gesunken sei, 41 Prozent bezeugten einen Rückgang ihrer sexuellen Aktivität.5Impact of the COVID-19 Pandemic on Partner Relationships and Sexual and Reproductive Health: Cross-Sectional, Online Survey Study | ncbi.nlm.nih.gov

    Auch eine italienische Online-Umfrage berichtet, dass die Pandemie das häusliche Sexleben geradezu lahmlegt: Während des Lockdowns sei der Anteil der Studienteilnehmer, die mindestens zweimal pro Woche Sex hatten, von 54 Prozent auf 37 Prozent zurückgegangen, berichten die Forscher. Gründe dafür sind jedoch keine medizinischen Ursachen oder fehlende Lust: Partnern mit Kindern fehle meist schlicht die Zeit, kinderlosen Paaren wiederum „psychologische Anreize“. Darunter fallen beispielsweise das oft als vermindert wahrgenommene Attraktivitätslevel des Partners – sei es durch Vernachlässigung der Körperhygiene oder durch die Jogginghose, die zur Alltagskleidung wird.

    Libidoschwankungen liegen oft psychische Probleme wie Angststörungen oder Depressionen zugrunde. Fehlende Rückzugsmöglichkeiten bei gemeinsamer Quarantäne, wirtschaftliche Sorgen sowie die Angst vor Ansteckung – all dies sind Faktoren, die sich während des Lockdowns negativ auf die Psyche und das Sexualleben auswirken.6The Impact of the COVID-19 Quarantine on Sexual Life in Italy | goldjournal.net

    Das Sexleben von Singles dagegen wird durch die Pandemie regelrecht ausgebremst. Durch Club-, Theater- oder Restaurantschließungen fehlen nicht nur die Möglichkeiten, Leute kennenzulernen; Kontaktbeschränkungen und Gebote wie Social Distancing hindern Menschen ohne festen Partner auch daran, ihre Sexualität im gewohnten Maß auszuleben. Einsamkeit und Isolation sind oft die Folge.

    Die häufigsten Ursachen für das abflauende Sexleben durch den Lockdown:
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    Alliance Images | shutterstock.com

    Impotenz durch Bewegungsmangel

    Erektionsstörungen können auch durch eine falsche Lebensweise entstehen. Neben Alkohol- und Zigarettenkonsum sind vor allem Übergewicht und Bewegungsmangel verantwortlich für Schäden an den Blutgefäßen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO erklärte den Bewegungsmangel bereits vor der Coronakrise zur „Epidemie des 21. Jahrhunderts“.7Bewegungsmangel | europarl.europa.eu

    Geschlossene Fitnessstudios, Ausgangssperren und Home Office machen es den Menschen nun noch schwerer, in Bewegung zu bleiben. Übergewicht ist nur einer der Kollateralschäden – auch die Blutzucker- und Blutdruckwerte können sich durch Bewegungsmangel verschlechtern. Und dies wirkt sich wiederum negativ auf die Potenz aus. 

    Experten empfehlen deshalb, körperliche Aktivitäten stärker in den Alltag zu integrieren: Sei es durch Spazierengehen, Radfahren an der frischen Luft oder Muskeltraining daheim. Wer keine Fitnessgeräte besitzt, sollte zumindest während der Arbeit immer mal wieder aufstehen und im Zimmer herumgehen. Und: öfter mal den Lift stehen lassen und die Treppen nehmen. 

    Schlechte Ernährung fördert Erektionsstörungen

    Potenzprobleme können auch auf schlechte Ernährungsgewohnheiten zurückgeführt werden. Im Lockdown verstärken sich diese Tendenzen noch: Die Restaurants sind häufig geschlossen, zum Kochen fehlt meist die Zeit, oft auch die Lust. Fehlende Routinen und Strukturen verleiten zum Snacken – zumal der Weg zum Kühlschrank im Home Office nie weit ist.   Stimmungsschwankungen und Unzufriedenheit über die Situation äußern sich bei einigen Personen durch den Griff in die Chipstüte.

    Vor allem ein Vitaminmangel wirkt sich negativ auf die Potenzfähigkeit von Männern aus, beispielsweise ein Mangel an Vitamin E. Der wissenschaftliche Name von Vitamin E lautet „Tocopherol“. Er kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „ein Kind zeugen oder Nachwuchs erwarten“. Vitamin E wird deshalb auch als „Fruchtbarkeitsvitamin“ bezeichnet. 

    Vitamin E kommt in pflanzlichen Ölen und in pflanzlichen Produkten wie Nüssen oder Samen vor. Durch moderne Verarbeitungsprozesse wird das in natürlichen Nahrungsmitteln enthaltene Vitamin E jedoch oft zerstört. Verschiedene Studien untersuchen deshalb bereits die Wirksamkeit von Vitamin-E-Zufuhren zur Behandlung erektiler Dysfunktion und berichten von deutlichen Verbesserungen der Symptome.8Evaluation of vitamin E in the treatment of erectile dysfunction in aged rats | pubmed.ncbi.nlm.nih.gov 9Vitamin E and ginseng combined supplement for treatment of male erectile dysfunction: A double-blind, placebo-controlled, randomized, clinical trial | doi.org

    Prostock-studio | shutterstock.com

    Wie die Psyche das Sexleben verstimmt

    Sexualwissenschaftler vermuten hinter den meisten Erektionsstörungen weniger organische als vielmehr psychische Ursachen. Stress, Sorgen und Ängste, aber auch Leistungsdruck und Versagensangst im Bett können dafür sorgen, dass der Penis streikt. Dies sind auch die häufigsten Gründe für Impotenz bei jungen Männern.

    Psychische Erkrankungen, die das System im Gehirn stören, können auch die sexuelle Gesundheit von Patienten aus dem Gleichgewicht bringen. Wer an Depressionen leidet, kann sich nur noch schlecht konzentrieren und verspürt eine diffuse Lustlosigkeit. Davon ist nicht zuletzt natürlich die Libido betroffen. 

    Die Pandemie fordert ihren Tribut. Durch die notwendigen, dennoch natürlich einschneidenden Maßnahmen sowie die ständige Bedrohung durch das Virus steht die Psyche unter Dauerbelastung. Zahlreiche Studien bestätigen nun, etwa neun Monate nach Ausbruch der Pandemie, dass die Belastung der mentalen Gesundheit durch Corona massiv zugenommen hat. So belegt die bundesweite Nako-Gesundheitsstudie als eine der ersten umfassenden Studien, die mit Vergleichswerten von vor Corona arbeiten konnte, dass depressive und Angstsymptome seit dem ersten Lockdown im Frühjahr stark gestiegen sind.10Ergebnisse zur COVID-19 Pandemie: psychosoziale Auswirkungen auf die Bevölkerung | nako.de

    Corona und Impotenz: Viele Gründe für Potenzprobleme

    Es gibt also viele Gründe für einen Anstieg von Potenzproblemen während der Corona-Pandemie. Ein direkter Zusammenhang mit einer Infektion muss allerdings erst noch gesichert werden. 

    Zahlreiche Faktoren, die die Gefahr von Potenzproblemen begünstigen, treten als Begleiterscheinungen der Pandemie zutage: So können Probleme im Bett auch von Bewegungsmangel, schlechter Ernährung oder depressiven Verstimmungen herrühren. Denn all dies sind Faktoren, die bedingt durch die Corona-Maßnahmen stark ansteigen. 

    Nichtsdestotrotz sind die von Forschern erwähnten Studien ein wichtiger Hinweis auf die Komplexität der Krankheit Covid-19: Mediziner werden durch solche Ergebnisse sensibilisiert, auf weitere Symptome zu achten. Gerade beim Tabuthema Erektionsstörungen, das viele Männer aus Scham vermutlich nicht selbst zur Sprache bringen, könnte von Ärzten beispielsweise proaktiv nachgehakt werden. 

    Letztlich bestehe kein Grund zur Panik, beschwichtigt Prof. Dr. Gernot Rohde, der Leiter der Post-Covid-Ambulanz am Frankfurter Uniklinikum, nachdem er im NDR-Podcast „Coronavirus-Update“ auf die Möglichkeit von Potenzstörungen als Langzeitfolge einer Covid-Erkrankungen hinwies.11Coronavirus-Update: Der lange Schatten des Virus | ndr.deDie große Mehrheit der Infizierten scheint dieses Symptom nicht zu entwickeln“, so der Mediziner gegenüber RTL.12Mehrere Patienten klagen über Langzeitfolge Macht Corona impotent? | RTL.de

    Ob Erektionsstörungen unmittelbar mit Corona zusammenhängen, lässt sich so einfach also (noch) nicht beantworten. Fest steht jedenfalls, dass das Virus – ob auf direktem oder indirektem Weg – einiges im Körper anrichten kann. 

    Quellen:

    1. What we know about Long-term effects of COVID-19 | www.who.int
    2. Early Research Shows a Possible Link Between COVID-19 and Erectile Dysfunction – Got Your Attention? | www.nbcnewyork.com
    3. A Late COVID-19 Complication: Male Sexual Dysfunction | www.ncbi.nlm.nih.gov
    4. Corona: Langzeitfolge Impotenz? Expertin warnt | www.ruhr24.de
    5. Impact of the COVID-19 Pandemic on Partner Relationships and Sexual and Reproductive Health: Cross-Sectional, Online Survey Study | www.ncbi.nlm.nih.gov
    6. The Impact of the COVID-19 Quarantine on Sexual Life in Italy | www.goldjournal.net
    7. Bewegungsmangel | www.europarl.europa.eu
    8. Evaluation of vitamin E in the treatment of erectile dysfunction in aged rats | pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
    9. Vitamin E and ginseng combined supplement for treatment of male erectile dysfunction: A double-blind, placebo-controlled, randomized, clinical trial | doi.org
    10. Ergebnisse zur COVID-19 Pandemie: psychosoziale Auswirkungen auf die Bevölkerung | nako.de
    11. Coronavirus-Update: Der lange Schatten des Virus | ndr.de
    12. Mehrere Patienten klagen über Langzeitfolge Macht Corona impotent? | RTL.de

    Fotonachweis Titelbild: TheVisualsYouNeed | shutterstock.com