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Anejakulation: Wenn beim Orgasmus nichts kommt
Höhepunkt ja, Samenerguss nein? Hier liest du, was hinter einer Anejakulation steckt, wie du sie von einer retrograden Ejakulation unterscheidest und warum der Kinderwunsch trotzdem klappen kann.
Eine Anejakulation bedeutet, dass beim Sex oder bei der Selbstbefriedigung kein Sperma aus dem Penis kommt. Manche Männer erleben dabei trotzdem einen Orgasmus, andere nicht. Gefährlich ist das an sich nicht, aber verunsichernd. Spätestens beim Kinderwunsch wird aus der Kuriosität ein echtes Problem. Die gute Nachricht vorweg: Für fast jede Ursache gibt es einen Weg.

Was ist eine Anejakulation?
Eine Anejakulation ist das Ausbleiben des Samenergusses, weil sich die Geschlechtsorgane nicht wie gewohnt zusammenziehen.
Ärzte nennen sie auch Impotentia ejaculandi oder Ejaculatio deficiens1. Sie ist eine der drei klassischen Formen der Impotenz. Einen Überblick über alle drei findest du unter Was ist Impotenz?
Damit du verstehst, was da schiefläuft, hilft ein kurzer Blick auf den Ablauf. Ein Samenerguss passiert in zwei Schritten. Erst sammeln Samenleiter, Samenblasen und Prostata ihre Flüssigkeiten in der Harnröhre, das heißt Emission. Danach pressen Beckenbodenmuskeln alles rhythmisch nach außen. Bei einer Anejakulation klappt schon der erste Schritt nicht.
Mit oder ohne Orgasmus
Mediziner unterscheiden zwei Varianten2:
- Orgasmische AnejakulationDu spürst den Höhepunkt ganz normal, es kommt nur nichts heraus. Umgangssprachlich heißt das trockener Orgasmus.
- Anorgasmische AnejakulationDer Höhepunkt bleibt im Wachzustand komplett aus. Manche Männer haben aber nachts einen feuchten Traum.
Außerdem spielt eine Rolle, wie oft es passiert. Kommt nie etwas, sprechen Ärzte von totaler Anejakulation. Klappt es nur in bestimmten Situationen nicht, etwa beim Sex, aber bei der Selbstbefriedigung schon, heißt das situative Anejakulation1. Letztere hat oft psychische Gründe.
Anejakulation, retrograde Ejakulation & Co.: Die Unterschiede
Nicht jeder trockene Orgasmus ist eine Anejakulation. Mehrere Störungen sehen auf den ersten Blick gleich aus, haben aber ganz andere Ursachen und Lösungen.
Anejakulation
- Prostata und Samenleiter geben kein Sperma in die Harnröhre ab
- Kein Sperma im Urin nach dem Orgasmus
- Orgasmus möglich oder nicht
Retrograde Ejakulation
- Sperma wird gebildet, fließt aber rückwärts in die Blase
- Viele Spermien im Urin nach dem Orgasmus
- Häufig nach Prostata-OP oder durch Medikamente

Dazu kommen zwei weitere Verwandte. Bei der Anorgasmie bleibt der Höhepunkt selbst aus. Bei der verzögerten Ejakulation kommt der Erguss zwar, aber erst nach sehr langer Stimulation oder nur mit Mühe.
Kleiner Hinweis für zu Hause: Ist dein Urin direkt nach dem Orgasmus auffällig trüb, spricht das eher für eine retrograde Ejakulation3. Sicherheit gibt aber nur der Urintest beim Arzt.
Ursachen der Anejakulation
Meistens steckt eine Störung der Nerven dahinter, die den Samenerguss steuern1. Diese Nerven laufen vom Rückenmark durch den Bauchraum bis ins Becken. Auf diesem langen Weg kann einiges schiefgehen.
Körperliche Ursachen
- Verletzungen des Rückenmarks, etwa eine Querschnittlähmung
- Nervenerkrankungen wie Multiple Sklerose
- Langjähriger Diabetes mit Nervenschäden
- Operationen im Bauchraum oder kleinen Becken
- Verschlossene Samenwege, angeboren oder nach Entzündungen
- Entfernung von Prostata und Samenblasen
Wird die Prostata samt Samenblasen komplett entfernt, etwa wegen Prostatakrebs, ist die Anejakulation dauerhaft4. Dort wird einfach keine Samenflüssigkeit mehr gebildet. Der Orgasmus selbst bleibt aber oft erhalten.
Operationen: Es kommt auf die Technik an
Ein klassisches Beispiel ist die Entfernung von Lymphknoten im hinteren Bauchraum bei Hodenkrebs. Dabei liegen die Nerven für den Samenerguss direkt im Operationsgebiet.
Ergebnisse: In einer norwegischen Studie mit 192 Hodenkrebs-Patienten behielten nach der älteren, ausgedehnten OP-Technik nur 11 Prozent ihren Samenerguss. Mit der nervenschonenden Technik waren es 89 Prozent5. Wer vor so einer OP steht, sollte also gezielt nach der nervenschonenden Variante fragen.
Medikamente
Bestimmte Medikamente können den Samenerguss blockieren. Dazu zählen einige Antidepressiva, Antipsychotika und Alphablocker gegen Prostatabeschwerden4.
Besonders auffällig ist das Prostatamittel Silodosin. In einer Praxisstudie mit 100 Männern berichteten 48 Prozent von einer Anejakulation6. Die gute Nachricht: In einer japanischen Untersuchung kam der Samenerguss bei allen Betroffenen nach dem Absetzen zurück7. Setz so ein Medikament aber nie auf eigene Faust ab, sondern sprich vorher mit deinem Arzt über Alternativen.
Psychische Ursachen
Seltener stecken psychische Gründe dahinter1. Typisch sind Leistungsdruck, Angst, die Partnerin nicht befriedigen zu können, Konflikte in der Beziehung oder belastende Erfahrungen. Auch eine große Lücke zwischen Fantasie und echtem Sex kann eine Rolle spielen. Ein Hinweis auf psychische Ursachen: Bei der Selbstbefriedigung oder im Schlaf klappt es, beim Sex nicht.

So stellt der Arzt die Diagnose
Die Diagnose einer Anejakulation stellt meist ein Urologe oder Androloge. Die wichtigste Untersuchung ist überraschend unspektakulär: ein Urintest direkt nach dem Orgasmus3.
- Schritt 1: GesprächDer Arzt fragt nach Medikamenten, Operationen, Vorerkrankungen und ob es beim Sex, bei der Selbstbefriedigung oder nachts klappt.
- Schritt 2: UrintestDu gibst direkt nach dem Orgasmus eine Urinprobe ab. Finden sich darin viele Spermien, ist es eine retrograde Ejakulation. Ist der Urin leer, spricht das für eine Anejakulation.
- Schritt 3: UltraschallEin Ultraschall über den Enddarm zeigt Prostata und Samenblasen. So erkennt der Arzt Verschlüsse der Samenwege.
- Schritt 4: Weitere TestsJe nach Verdacht folgen Blutwerte, neurologische Untersuchungen oder eine Bildgebung wie MRT.
Behandlung der Anejakulation
Die Behandlung einer Anejakulation richtet sich nach der Ursache. Manchmal reicht ein anderes Medikament, manchmal braucht es Technik aus der Fortpflanzungsmedizin.
Auslöser abstellen
Ist ein Medikament schuld, sucht der Arzt nach einer Alternative. Bei Prostatabeschwerden gibt es zum Beispiel Wirkstoffe, die den Samenerguss weniger stören. Bei Diabetes hilft ein gut eingestellter Blutzucker, weitere Nervenschäden zu bremsen.
Medikamente, die den Erguss anschieben
Bestimmte Wirkstoffe können die Nerven und Muskeln für den Samenerguss anregen. Eingesetzt werden vor allem Pseudoephedrin, Midodrin oder das ältere Antidepressivum Imipramin48. Sie schließen außerdem den Blasenhals besser, was bei retrograder Ejakulation hilft. Das funktioniert nicht bei jedem und vor allem dann, wenn die Nerven noch teilweise intakt sind. Die Details findest du unter Medikamente bei Anejakulation.
Psychotherapie
Bei psychischen Ursachen hilft eine Sexualtherapie, gern gemeinsam mit der Partnerin. Ziel ist, den Druck rauszunehmen. Wer beim Sex ständig auf die Ziellinie starrt, kommt bekanntlich schwerer an 🏁.
Vibrations- und Elektrostimulation
Reicht das alles nicht, gibt es technische Hilfe. Bei der Vibroejakulation löst ein spezielles Gerät an der Eichel den Reflex aus. Klappt das nicht, kommt die Elektroejakulation infrage. Dabei reizt eine Sonde im Enddarm unter Narkose die Nerven direkt. Beide Methoden werden vor allem bei Kinderwunsch eingesetzt.
Anejakulation und Kinderwunsch
Ein Kind zu bekommen ist trotz Anejakulation in vielen Fällen möglich2. Die Spermien werden ja meist ganz normal gebildet, sie kommen nur nicht heraus.
Bei Männern mit Querschnittlähmung ist die Vibrostimulation die erste Wahl. Liegt die Verletzung im Brustmark auf Höhe T10 oder darüber, gelingt damit bei bis zu 86 Prozent ein Samenerguss. Bei tieferen Verletzungen sind es nur etwa 17 Prozent9. Klappt die Vibration nicht, führt die Elektroejakulation in den meisten Fällen zum Ziel2.
Das gewonnene Sperma kann dann auf unterschiedliche Weise genutzt werden:
- InseminationDas Sperma wird zum Zeitpunkt des Eisprungs mit einem dünnen Katheter direkt in die Gebärmutter gegeben. Schmerzfrei und schnell erledigt.
- IVF / ICSIBei wenigen oder schwachen Spermien wird die Eizelle im Labor befruchtet. Bei der ICSI spritzt man dafür ein einzelnes Spermium direkt in die Eizelle.
- Operative GewinnungKlappt gar nichts, kann der Arzt Spermien direkt aus Hoden oder Nebenhoden entnehmen.
Mehr zu den Schritten beim unerfüllten Kinderwunsch liest du unter Unfruchtbarkeit beim Mann und Fruchtbarkeitsdiagnostik.
Ist eine Anejakulation gefährlich?
Die Anejakulation selbst ist nicht gefährlich. Abklären lassen solltest du sie trotzdem, wenn sie neu auftritt und du keine einfache Erklärung hast, etwa ein neues Medikament.
Der Grund: Dahinter kann eine Erkrankung stecken, die behandelt werden will, zum Beispiel ein unentdeckter Diabetes oder eine Nervenerkrankung. Außerdem belastet ein trockener Orgasmus viele Männer und ihre Beziehung mehr, als sie zugeben. Ein Urologe kann meist schnell sagen, woran es liegt und ob sich etwas machen lässt.
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Häufige Fragen zur Anejakulation
Kann man trotz Anejakulation Kinder bekommen?
Ja, in vielen Fällen schon. Die Spermien werden meist normal gebildet, sie gelangen nur nicht nach außen. Mit Medikamenten, Vibrations- oder Elektrostimulation lässt sich oft trotzdem Sperma gewinnen. Das kann dann für eine Insemination oder künstliche Befruchtung genutzt werden. Bleibt alles erfolglos, können Spermien auch direkt aus dem Hoden entnommen werden.
Staut sich das Sperma bei einer Anejakulation?
Nein, du musst keine Angst haben, dass sich etwas aufstaut. Nicht ausgestoßene Spermien baut der Körper ganz natürlich ab, so wie bei Männern, die längere Zeit keinen Sex haben. Ein Druckgefühl oder Schmerzen gehören nicht zur Anejakulation und sollten ärztlich abgeklärt werden.
Geht eine Anejakulation von selbst wieder weg?
Das hängt von der Ursache ab. Ist ein Medikament schuld, kommt der Samenerguss nach dem Absetzen oder Wechseln meist zurück. Bei psychischen Gründen hilft oft eine Therapie. Nach einer Entfernung von Prostata und Samenblasen oder bei schweren Nervenschäden bleibt die Anejakulation dagegen meist dauerhaft.
Ist eine Anejakulation im Alter normal?
Mit den Jahren wird die Samenmenge oft kleiner und der Erguss schwächer. Das ist normal. Kommt aber gar nichts mehr, steckt meist ein konkreter Grund dahinter, etwa ein Prostatamittel, Diabetes oder eine frühere Operation. Lass das ruhig einmal beim Urologen abklären.
Welcher Arzt ist bei Anejakulation zuständig?
Der richtige Ansprechpartner ist ein Urologe oder Androloge. Er macht den Urintest, untersucht Prostata und Samenwege und kann Medikamente verschreiben. Bei Kinderwunsch arbeitet er eng mit einem Kinderwunschzentrum zusammen. Bei psychischen Ursachen kommen Sexualtherapeuten ins Spiel.
Das Wichtigste in Kürze
- Bei einer Anejakulation kommt beim Höhepunkt kein Sperma aus dem Penis, mit oder ohne Orgasmusgefühl.
- Sie ist von der retrograden Ejakulation zu unterscheiden, bei der das Sperma in die Blase fließt.
- Ein Urintest direkt nach dem Orgasmus zeigt, welche Störung vorliegt.
- Häufige Ursachen sind Nervenschäden, Operationen, Diabetes und Medikamente wie Silodosin.
- Medikamentenbedingte Anejakulation verschwindet nach dem Absetzen meist wieder.
- Kinderwunsch ist dank Stimulation, Insemination oder ICSI in vielen Fällen erfüllbar.
Quellen und Studien (9)
- DocCheck Flexikon: Anejakulation
doccheck.com - Sexual Medicine Society of North America: Anejaculation and Anorgasmia
smsna.org - Urological Care: Anejaculation and retrograde ejaculation
urologicalcare.com - Jimbo M. (2024): Unfähigkeit zur Ejakulation. MSD Manual Ausgabe für Patienten
msdmanuals.com - Jacobsen K.D. et al. (1999): Ejaculation in testicular cancer patients after post-chemotherapy retroperitoneal lymph node dissection. British Journal of Cancer
nih.gov - Effects of silodosin on sexual function: realistic picture from the everyday clinical practice. Universität Mailand
unimi.it - Investigation of ejaculatory disorder by silodosin in the treatment of prostatic hyperplasia (2012). BMC Urology 12:29
doi.org - GPnotebook: Retrograde ejaculation, Behandlung mit Imipramin und Sympathomimetika
gpnotebook.com - Penile Vibratory Stimulation for Semen Retrieval in Men with Spinal Cord Injury: Patient Perspectives. Research and Reports in Urology
nih.gov
